Gabriele Heinisch-Hosek und Andreas Kollross

Stellungnahme zu einem weiteren Brief des Vereins "Väter ohne Rechte"

Sehr geehrter Herr Stiglmayr!

Vielen Dank für Ihren Brief. Ihr Schreiben hat mich ein wenig verwirrt, weil es an Höflichkeit und auch an Respekt gegenüber Mitmenschen sehr zu wünschen übrig lässt und im Kern sehr aggressiv ist. Sie unterstellen auch meinem Schreiben an Herrn Dr. Holzer solche Eigenschaften, indem Sie von bösartigen Angriffen schreiben, die meinem Schreiben angeblich zu Grunde liegen, weshalb ich jetzt meinen Brief nochmals gelesen habe.

Es tut mir leid, aber ich kann diese Bösartigkeit in meinem Schreiben nicht wirklich erkennen. Nur weil ich eine andere Position vertrete als Sie, deshalb bin ich doch wohl noch nicht bösartig, und deshalb muss in einer zivilisierten Welt ja auch noch nicht mit Aggressivität und Unterstellungen argumentiert werden, wie Sie dieses in Ihrem Schreiben leider tun.

Anstatt inhaltlich zu diesem Thema Stellung zu nehmen, ist der Großteil Ihres Briefes auf persönliche Angriffe ausgerichtet. Ich kenne die Welt nicht, in der Sie leben, und auch nicht Ihr Weltbild. Es gibt jedoch nicht nur schwarz und weiß, sondern vor allem etwas dazwischen. Genau in diesem Zwischenraum findet unser gesellschaftliches Leben statt. Genau in diesem Zwischenraum befindet sich auch unsere Debatte. Sie sind der Meinung, dass, egal, ob das jetzt schwarz oder weiß ist, die gemeinsame Obsorge alles regelt. Diese Meinung teile ich nicht und ich befinde mich hier in guter Gesellschaft. Ich darf Sie diesbezüglich auch auf den Väternotruf verweisen, der sogar auf seiner Homepage schreibt: „Auch die viel diskutierte Reform im Familienrecht und die gemeinsame Obsorge mag daran nichts ändern: Gemeinsame Obsorge bedeutet nicht gleichsam Kontakt zum Kind! Am Wichtigsten ist die unbegründete und mutwillige Verletzung des Besuchsrechtes zu sanktionieren!“ Genau das ist auch unser Ansatz. Es geht darum, dem Elternteil, bei dem das Kind nicht wohnt, sein Recht auf den Kontakt mit seinem Kind zu gewährleisten und es geht darum, dem Kind dieses Recht ebenfalls zu Teil werden zu lassen. Warum Sie der Meinung sind, dass dies mit der gemeinsamen Obsorge erreicht wird, ist mir nach wie vor schleierhaft, vor allem deshalb, weil Sie doch wissen, was diese gemeinsam Obsorge regelt und was nicht. Den Kontakt zu den Kindern regelt es nicht.

 Die Frage, die mich bewegt, ist: Warum machen Sie das? Warum verwenden Sie die gemeinsame Obsorge als Argument für viele erschütterte und am Boden zerstörte Väter und Mütter, die aus der Familie hinausgekegelt wurden und ihre Kinder nicht mehr sehen können, obwohl Sie wissen müssten, dass diese Gesetzesänderung a priori diese Sachlage nicht löst? Warum verwenden Sie wissentlich oder auch unwissentlich das Elend der Väter, um diesen eine Nullvariante als Lösung vorzuschlagen? Und warum sind Sie so aggressiv gegen Menschen, die Ihre Position nicht teilen? Was ist das für eine Haltung? „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich?“. Es tut mir leid, und ich will Ihnen keinesfalls zu Nahe treten, aber Ihre Kultur im Diskurs hat für mich etwas Totalitäres. Wer nicht meine Position vertritt ist Feind. Wer nicht meine Position vertritt wird aggressiv verunglimpft und es wird ihm gleichzeitig bösartiges unterstellt. Wer nicht meiner Position ist, hat, in welcher Funktion er/sie auch immer ist, nichts verloren und muss zurücktreten. Maßen Sie sich da nicht ein wenig zu viel an, indem sie der Meinung sind, dass Sie zu entscheiden haben, wer bei den Kinderfreunden den Vorsitz führt, und wenn dieser nicht Ihre Position vertritt hat er/sie von dieser Funktion zurückzutreten? Wie gesagt, ich teile Ihre Sichtweise, was die Obsorgefrage betrifft, nicht, aber ich käme nicht auf die Idee, Ihnen deshalb den Rücktritt aus Ihrer Funktion nahe zu legen. In einer Demokratie gehört es auch dazu, und nur so ist diese lebendig und auch lebenswert, dass es unterschiedliche Sichtweisen und Positionen gibt. Sehen Sie das auch so, denn Ihr Brief lässt mich ein Stück daran zweifeln?

 Und zu guter Letzt noch eine Vermutung von mir, die Sie bitte nicht als Unterstellung auffassen sollen. Warum sind Sie auf einmal so aggressiv gegen mich als Person und gegenüber den Kinderfreunden, oder dadurch gegenüber den Kinderfreunden? Liegt es vielleicht daran, weil wir dem Kern viel näher Kommen und Ihre Positionierung, dass die gemeinsame Obsorge der heilige Gral für die Väter ist, ins Wanken bringen? Liegt es vielleicht daran, das immer mehr Menschen, denen die Cochemer Praxis geläufig wird, der Meinung sind, dass ihnen dieses viel sinnvoller erscheint als die Fokussierung auf die gemeinsame Obsorge? Auch wenn ich Ihre Position nicht teile, unterstelle ich Ihnen deshalb nicht, dass Ihnen die Kinder nicht am Herzen liegen und Sie ein gefährlicher Feind der Kinder sind. Dasselbe nehme ich aber auch für mich in Anspruch und finde, dass Sie sich hier sehr im Ton vergriffen haben.

Abschließend auch noch ein Wort zur SPÖ und den vielen Millionen, die Sie anscheinend so sehr beschäftigen. Sollten Sie diese Millionen finden, bin ich gerne bereit, mit Ihnen zu teilen, weil viele Millionen zur Hälfte immer noch mehr sind als das, was wir jetzt haben. Aber wahrscheinlich brauchen Sie die SPÖ als Feindbild und packen die Kinderfreunde gleich mit hinein. Zur Klarstellung nochmals: Ja, natürlich haben die Kinderfreunde ein sozialdemokratisches Weltbild. Es wäre schön, wenn es viel mehr gäbe, die ein solches Weltbild hätten, weil dieses unter anderem Solidarität, Ausgleich und Respekt gegenüber anderen bedeutet. Ich würde mich auch freuen, wenn Sie ein solches hätten. Wir sind aber trotzdem keine Unterorganisation der SPÖ, weil dieses bedeuten würde, dass uns die Eigenständigkeit fehlt. Genau darum ist es mir gegangen. Die Kinderfreunde sind ein eigenständiger, seit über 100 Jahren bestehender Verein mit eigener Mitgliedschaft. Diese Mitglieder entscheiden auch über die Ausrichtung der Kinderfreunde, und zwar ausschließlich diese. Nicht die SPÖ und auch nicht Sie, indem mir von Ihnen der Rücktritt nahe gelegt wird.

 In diesem Sinne hoffe ich, Sie mit meinem Schreiben nicht beleidigt zu haben, was ich von Ihrem Schreiben und Ihrer Aggressionen gegenüber mir nicht behaupten kann. Höflichkeit und Respekt ist eine Grundeigenschaft unseres gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Dies kann durchaus auch im Diskurs beibehalten werden, auch wenn die Positionen teilweise unterschiedlicher nicht sein können.

Mit freundlichen Grüßen

 Andreas Kollross

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