Gabriele Heinisch-Hosek und Andreas Kollross

Stellungnahme der Kinderfreunde zu einem offenen Brief des Vereins "Väter ohne Rechte"

Im Zuge der Obsorgediskussion in Wr. Neudorf erhielten wir einen offenen Brief dieser Vätervereinigung. Sehen Sie dazu beigefügten Link. Unser Landesvorsitzender nahm dazu wie folgt Stellung.


Sehr geehrter Herr Doktor Holzer! 

  Vielen Dank für Ihren Brief, den ich mit Interesse gelesen habe. Gerne nehme ich auch in dieser Form nochmals Stellung und lege die Position der Kinderfreunde und meine persönliche Position dar. Ich möchte aber anmerken, dass ich gerne bereit bin, eine Antwort von Ihnen zu erhalten und zu lesen, nachdem meine Funktion bei den Kinderfreunden aber eine ehrenamtliche ist, ich keine persönlichen MitarbeiterInnen habe, die meine Briefe beantworten, muß ich dieses selbst tun und sehe mich deshalb außer Stande, mit Ihnen auf diesem Wege eine längere Diskussion zu führen, somal die beidseitigen Positionen ja hinlänglich bekannt sind und wir schon des Öfteren das gemeinsame persönliche Vergnügen hatten. Es ist mir aber trotzdem wichtig, einige Punkte nicht unerwähnt zu lassen.

Leider bestätigen Sie mir sehr deutlich, dass es sich bei Ihnen, wie auch bei den Frauen,  in erster Linie um eine Geschlechterdiskussion handelt. Sie schreiben zwar immer vom Kindeswohl und werfen mir vor, dieses nicht zu berücksichtigen, wie wohl einmal in Definition geklärt werden sollte, was das Kindeswohl eigentlich ist, das so schön ins Zentrum der Diskussion gestellt wird und anscheinend versucht wird dieses als „Totschlägerargument“ zu verwenden. Letztendlich reduziert sich Ihr Beitrag jedoch auf böse Frauen und arme Männer, während es auf der anderen Seite in umgekehrter Betrachtung um böse Männer und arme Frauen geht. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass diese Frage nicht gänzlich abseits der gesellschaftlichen Gegebenheit zu betrachten ist, trotzdem versuche ich immer, diese Sichtweise der Geschlechterungerechtigkeit, die es ohne Zweifel in unserer Gesellschaft gibt, hinten anzustellen und das Kind/die Kinder ins Zentrum meiner Überlegungen zu stellen.

Auch Ihre unterschwellige Unterstellung,  wir vertreten da nur die Positionen der SPÖ und jene der SPÖ-Frauen geht leider ins Leere, weil wenn dem so wäre, dann würde die SPÖ ja ebenfalls die „Cochemer Praxis“ propagieren, was sie bekanntlicherweise leider nicht tut. Umso wichtiger ist es mir, diese Praxis in Diskussionen in den Vordergrund zu stellen, um auch die SPÖ und andere davon zu überzeugen. Unsere Position, dass die Obsorge überbewertet wird und generell in Frage zu stellen ist, ist keine Position, die auch innerhalb der SPÖ vertreten wird. Und zu guter Letzt möchte ich noch festhalten, dass die Kinderfreunde keine SPÖ-Unterorganisation sind, sondern eine eigenständige Kinder- und Familienorganisation, und zwar die größte in ganz Österreich und auch in Niederösterreich.

Solange die Debatte jedoch unter dem Gesichtspunkt von Opfer und Täter geführt wird, und Sie spielen auch in Ihrem Brief diese Rolle als Opfer sehr vorzüglich, und solange in strittigen Trennungen alles auf Sieger und Verlierer aufgebaut ist, solange werden wir im Interesse der Väter, der Mütter und vor allem der Kinder keine geeignete Lösung finden. Kinder werden dabei immer zum Spielball und zum Faustpfand. Das gilt es zu verhindern.

Zur „Cochemer Praxis“ möchte ich folgendes festhalten: ich verstehe Ihren Einwand nicht wirklich und habe dieses auch schon bei der Podiumsdiskussion angemerkt, dass Sie so darauf pochen, dass Sie bzw. Ihre Vereinigung diese Praxis zum ersten Mal in die Debatte eingebracht haben. Ich besitze diese Eitelkeit, die Ihnen anscheinend anheim ist, nicht, um mich hier als Urheber aufzuspielen. Die Frage ist vielmehr, wenn Sie so darauf erpicht sind, der Urheber zu sein, diese Praxis in Österreich in Diskussion gebracht zu haben, warum Sie uns dann als Kinderfreunde nicht dabei unterstützen, diese Praxis noch bekannter zu machen und noch stärker in die öffentliche Debatte einzuführen. Sie haben dieses in St. Pölten nicht getan und auch in Wr. Neudorf nicht. Sie nehmen dazu gar nicht mehr Stellung. Warum eigentlich? Liegt es vielleicht daran, dass Herr Dr. Rudolph das von Ihnen geschriebene nicht mehr bestätigt, dass die „Cochemer Praxis“ darauf ausgerichtet ist, die gemeinsame Obsorge unbedingt aufrecht zu erhalten? Oder was ist der Grund, warum Sie sich auf der einen Seite so hervortun, dass Sie als erste diese Praxis in die Debatte einbrachten, jetzt jedoch anscheinend nichts mehr davon wissen wollen? Ich kann jetzt leider nicht sagen, ob Sie persönlich auch an unserer Enquete im vorigen Herbst im NÖ Landhaus teilgenommen haben, aber Vertreter Ihrer Vereinigung waren auf jeden Fall dabei. Ich darf Ihnen deshalb zum Anhören nochmals einen Auszug des Erfinders der „Cochemer Praxis“ als Webtipp übermitteln, damit Sie hinkünftig Ihre Behauptung, dass diese Praxis das Ziel hat, die gemeinsame Obsorge aufrechtzuerhalten, ein wenig überdenken. http://www.youtube.com/watch?v=Tf77RUTcx5A&feature=related

Abschließend möchte ich jetzt auch noch kurz auf die gemeinsame Obsorge an sich eingehen, und warum ich Ihre Meinung nicht teile. Ich würde Sie auch wirklich darum bitten, dieses in Ihre Überlegungen mit einfließen zu lassen, wie wohl mir klar ist, dass Sie der gemeinsamen Obsorge nicht abschwören werden. Ich für meinen Teil bleibe allerdings dabei, dass eine Einführung dessen, nichts mit dem persönlichen Umgang mit den Kinder zu tun hat, denn die Obsorge regelt, wie Sie selbst in Ihrem Brief schreiben, zwar vieles, oder sagen wir einiges, nicht jedoch, ob Sie Kontakt mit Ihrem Kind haben oder nicht. Das ist für mich aber der entscheidende Punkt im Trennungskonflikt. Es darf zu keinem Kontaktabbruch kommen, und wir müssen dieses gewährleisten. Die Obsorge regelt das nicht. Schon allein deshalb nicht, weil die Trennung weit früher erfolgt, als die Scheidung. Wir müssen jedoch bei der Trennung ansetzen, und wir müssen die Verfahren verkürzen. Das geht nicht automatisch und das regelt auch nicht die gemeinsame Obsorge. Das regelt ausschließlich die Unterstützung der Eltern und meiner Meinung nach eben auch die Verankerung der Arbeitsweise der „Cochemer Praxis“.

Ich würde Sie deshalb bitten, Ihre Sichtweise zu überprüfen, in wie weit es in der Obsorgedebatte jetzt auch schon nur mehr um Sieger und Verlierer geht, oder in wie weit sie als Vätervereinigung wirklich die Interessen jener Eltern- und Großelternteile vertreten, die nach wie vor Kontakt zu ihren Kindern haben wollen, und vor allem als engagierte Väter die Interessen der Kinder vertreten, die nach wie vor Kontakt zu beiden Eltern- und Großelternteilen haben wollen. Für mich haben Sie sich in der Obsorgedebatte verrannt und den Kern, um den es geht, verloren. Als Kinderfreunde sind wir hinkünftig gerne ein Partner, wenn es darum geht, die Rechte der Kinder auf beide Elternteile zu gewähren. Nachdem Sie so darauf hinweisen, dass Sie und Ihre Vereinigung die „Cochemer Praxis“ in die Debatte eingebracht haben, sind wir gerne bereit, uns mit Ihnen gemeinsam dafür stark zu machen. Wenn es Ihnen nur um eine Gesetzesänderung ohne veränderte Basis geht, werden wir nach wie vor allein für diese Form der interdisziplinären Zusammenarbeit im Interesse der Kinder und auch im Interesse der Eltern werben. Mir scheint es auf jeden Fall so, als hätten Sie sich von dieser Praxis schon längst wieder abgewandt, denn außer dem Hinweis, dass Sie diese bereits vor uns in die Diskussion eingebracht haben, ist Ihrerseits nicht mehr viel gekommen in Sachen Cochem.

In diesem Sinne verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

 Andreas Kollross

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